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Usbekische Begegnungen

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Im Nachtbus nach Tashkent

Nur wenige Stunden trennen uns von Usbekistan, doch diese Stunden haben es in sich. Um 19.45 Uhr stehen wir beim Bahnhof in Bishkek, gerade fünf Minuten zu früh. Denn um 19.50 Uhr soll unser Nachtbus nach Tashkent starten. Wir zeigen das Ticket, verstauen unser Gepäck, steigen in den Bus. Dann macht sich Aufregung breit. Einige steigen aus, laut wird durcheinander gesprochen, der Busfahrer schreit uns an. Jedenfalls habe ich diesen Eindruck. Wir steigen mit aus, ohne irgendetwas verstanden zu haben. Eine Frau schimpft mich an – oder täusche ich mich? Generell scheint der Tonfall der Usbeken wohl etwas harscher zu sein als der Tonfall der Kirgisen. Etwas verdattert stehe ich da, entschuldige mich auf Englisch (wofür eigentlich?) und sage, dass ich leider nichts verstehe. Dann kommt ein junger Usbeke, er stellt sich als Marcel vor, auf uns zu und dolmetscht: Der Bus um 19.50 Uhr fällt aus. Wir müssen eine Stunde auf den nächsten warten. Marcel stellt uns seinen drei Freunden vor: Gemeinsam haben sie Urlaub am Issyk Kul gemacht, für weitere Reisen – nach Australien oder Neuseeland etwa – müssen sie für ein Visum eine Reihe an Dokumenten vorweisen, unter anderem einen Nachweis über ihre finanzielle Sicherheiten. Gerade für junge, unverheiratete Frauen scheint es aussichtslos, ein Visum zu erhalten. Von wo wir sind, wollen sie wissen. Verheiratet? Kinder? Ob wir denn zusammen leben und Kinder wollen? Nicht gerade die klassischen Small-Talk-Themen in Europa. In Usbekistan scheint das anders zu sein. Sie wollen ein Foto mit uns machen, erzählen von ihrem Urlaub am Issyk Kul und wen sie unterwegs kennen gelernt haben. Sie geben uns Tipps für unseren Urlaub in Usbekistan und so vergeht die eine Stunde Wartezeit schneller als geglaubt.

18 Stunden im Nachtzug

18 Stunden im Nachtzug und dann noch dazu nur eine Platzkarte? Wir steigen ein, suchen unsere Plätze und setzen uns erstmal. Ein Mann gegenüber zeigt auf die Matratzen und fragt, von wo wir sind. Rim, meint er sofort auf unsere Antwort Italien. Rimini? Ich bin erstaunt. Warum sollte er von allen Städten ausgerechnet Rimini kennen. Rim, wiederholt er und zeigt auf sich selbst. Er scheint wohl in Rim gewesen zu sein. Der Mann würde sich gerne etwas mit uns unterhalten, doch leider scheitert ein Gespräch, an mangelnden Russisch-Kenntnissen unsererseits und mangelnden Englisch-Kenntnissen seinerseits. Schon bald setzt sich ein junger Usbeke zu uns: “May I introduce myself?” Er kommt aus Urganch, lernt Englisch und möchte etwas mit uns reden. Er erzählt, wie gerne er all die historischen Plätze in Rom, Paris und London sehen würde und wird bei dem Gedanken an ein Visum traurig. Wie gut es uns doch geht, einfach in einen Flieger steigen und in ein anderes Land reisen zu können! Nun schaltet sich auch der Mann uns gegenüber ein: Er war in Rom und am Mittelmeer, lässt er den jungen Studenten übersetzen. Rom, nicht Rimini. Logisch! Mittlerweile hat sich das halbe Abteil zu uns umgedreht und hört zu. Zwischendurch muss der Student immer mal wieder übersetzen, damit auch alle mitbekommen, was wir reden. Dann wird quasi abgeklatscht: Ein Freund vom Studenten will sich auch noch kurz mit uns unterhalten und etwas Englisch reden. Dann gehen sie wieder zu ihren Plätzen, auf der anderen Seite des Abteils.

Warten auf Nr. 4 und weitere Taxi-Erlebnisse

Von Chiwa nach Buchara, von Buchara nach Samarkand und auch die letzte Etappe unserer Reise, von Samarkand nach Tashkent, legen wir mit dem Sammeltaxi zurück. Und obwohl wir nach unseren Erfahrungen in Sammeltaxi und Marschrutka in Kirgistan schon einiges gewohnt sind, die sechs- bis siebenstündige Taxifahrt von Chiwa nach Buchara toppt das noch. Der Taxi-Fahrer macht mich nervös: Er scheint nebenbei zu fahren. Seine Hauptaufmerksamkeit gilt den Sonnenblumenkernen, die es aus der Schale zu lösen gilt. Dann wird telefoniert, geraucht, aus der Wasserflasche getrunken. Danach greift er wieder zu den Sonnenblumenkernen, zu Handy, Wasserflasche und Zigarettenschachtel. Irgendwann ist das Wasser alle und die leere Flasche verschwindet durch das offene Autofenster, gefolgt von der leeren Zigarettenschachtel. Zwischendrin findet der Taxi-Fahrer auch immer mal wieder Zeit, die Autotür zu öffnen und auf die Straße zu spucken, wohlgemerkt während der Fahrt. Aber irgendwann erreichen wir dann doch unser Ziel.

Die Taxifahrt von Buchara nach Samarkand startet gemütlich. Wir fahren los, doch nur um kurz darauf anzuhalten und noch Mitfahrer Nr. 3 und Nr. 4 anzuwerben. Unsere Taxi-Fahrerin, diesmal eine Frau, ruft Samarkand, Navoy in die Runde. Dann beginnt ein Gespräch, das sich für mich wie ein Streitgespräch anhört und damit endet, dass eine Frau ihre Tasche im Taxi verstaut. Jetzt heißt es warten auf den vierten und letzten Mitfahrer. Wer weiß, wie lange das noch dauern wird? Auch wir steigen jetzt aus. Einer zeigt mit dem Zeigefinder eine eins, ein Mitfahrer noch, soll das heißen, und sagt “Problema”. Nach etwa einer Dreiviertelstunde kommt eine Frau mit zwei kleinen Kindern und unsere Suche hat ein Ende. Wieder sitze ich auf dem undankbaren Mittelplatz und zu fünft auf dem Rücksitz wird es schon recht eng. Aber den Jungen, der mit großen Augen neben mir sitzt und seine Hand zum Festhalten auf meinen Oberschenkel legt, muss man einfach lieb haben. Die Frau fragt uns, ob wir nach Samarkand zum Registan wollen. Sie selbst ist in der Nähe vom Registan zu Hause. Beim Aussteigen wird uns klar, dass wir beinahe doppelt so viel für die Taxifahrt bezahlt haben, wie die anderen Mitfahrer. Auch das ist eben Usbekistan.

Die letzte Taxi-Fahrt verläuft am bequemsten. Wir lassen uns zur Uluk’beg-Straße in Samarkand bringen, dort, wo die Sammeltaxis auf Kundschaft warten. Kaum angekommen, starten die zähen Verhandlungen. 50 Dollar für uns zwei, 50.000 Sum pro Kopf: Die Angebote sind unterschiedlich, auf alle Fälle aber viel zu hoch. Mit den Erinnerungen an unsere viel zu teure Taxi-Fahrt nach Samarkand im Kopf, beginnen wir zu feilschen. Ein Taxifahrer verlangt 20.000 Sum pro Kopf, das scheint uns ein fairer Preis zu sein. Wir entscheiden uns für etwas mehr Beinfreiheit und Platz und bezahlen 50.000 Sum für zwei. Dafür haben wir den Rücksitz für uns.

Sammeltaxi warten Warten auf Nr. 4

Wer will noch ein Foto?

Buchara: Wir stehen auf dem Platz vor der Devon-Begi-Medrese, bei der Statue des arabischen Till Eulenspiegel, Hodscha Nasreddin. Mit schelmischem Lächeln sitzt er auf seinem Esel und scheint auf eine Gruppe junger, usbekischer Frauen zu blicken, die ihn umringen. Eine von ihnen schaut mich an und zeigt auf ihr Smartphone. Ich nicke. Natürlich mache ich ihnen ein Foto. Eine von ihnen stellt sich neben mich, ich rücke etwas weg: So kann ich ja schlecht ein Foto machen. Sie rückt nach. Eine andere zeigt auf meinen Freund: Er soll sich auch zu uns stellen. Wir lächeln in die Kamera, während eine nach der anderen ein Foto mit uns macht.

Samarkand: Auf dem Weg zum Registan ruft uns ein Mann, der mit seiner Frau unterwegs ist, von der anderen Straßenseite zu: Hello. Von wo wir sind, will dann auch er wissen. Dann schießt er mit den Händen ein imaginäres Foto und zeigt auf uns. Wir nicken. Er drückt der Frau das Handy in die Hand und wechselt zu uns auf die andere Straßenseite. Wieder lächeln wir in die Kamera.

Registan: Endlich habe ich das Ziel meiner Träume erreicht: den Registan in Samarkand. Doch was mich am meisten fasziniert, liegt im Inneren der Tilya-Kori-Medrese: eine tiefblaue Kuppel, geschmückt mit Blattwerk aus Gold. Ich lege den Kopf in den Nacken, um einfach nach oben zu schauen. Dann wollen wir ein Selfie schießen. Und während wir nach unten in die Kamera blicken, über uns die Kuppel, gesellt sich eine usbekische Frau zu uns und gibt meinem Freund zu verstehen, dass er ein Foto von uns machen soll. Dann geht sie weiter, aber nur, um kurz darauf mit zwei anderen Frauen zurückzukommen. Eine von ihnen drückt meinem Freund ihr Handy in die Hand und dann stellen wir vier uns für ein Foto auf.

Von einem jungen Usbeken, der von Köln träumt

Unser letzter Tag in Tashkent: Gerade haben wir Postkarten verschickt und wollen noch einmal zum Unabhängigkeitsplatz schlendern. Ein junger Usbeke gesellt sich zu uns, um ein bisschen Englisch zu reden. Er begleitet uns zum Unabhängigkeitsplatz, weiter zur Oper und zurück zu unserem Hostel. Auch er will wissen, von wo wir sind, ob wir verheiratet sind und Kinder haben. Er, sein Spitzname für uns ist Bob, studiert an der technischen Hochschule in Tashkent und will nächstes Jahr nach Europa, nach Deutschland. Wohin genau? Er weiß selbst nicht genau warum, aber er möchte nach Köln, deshalb hat er auch Deutsch gelernt. In Köln möchte er zur Uni gehen, Fußball spielen und das Schokomuseum besuchen. Er erzählt von Schoko-Springbrunnen und Weihnachtsbäumen aus purer Schokolade. Ich war noch nie in Köln und vom Schoko-Museum wusste ich nichts, aber jetzt, wo uns ein junger Usbeke aus Tashkent vom Museum vorschwärmt, möchte ich unbedingt auch dorthin. Im November hat er seine Aufnahmeprüfung, wenn alles gut geht, darf er im Frühling nach Europa, das erste Mal, dass er Usbekistan verlassen wird. Dann will er auch nach London und Rom reisen und ins Kolosseum gehen. Er soll sich bei uns melden, wenn er in Köln ist – und auf dem Weg nach Rom, denn dann kommt er ja auch an unserem kleinen Dorf vorbei. Ich hoffe, dass wir ihn einmal wieder sehen und dass sein Köln-Traum wahr wird. Beim Abschied sagt er: „Thank you for making me feel like being in Europe“.

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