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Reinhold Messner. Der Mann und der Berg

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Man kann ja vom Bergsteiger Reinhold Messner halten, was man will. Fakt ist: Er ist ein faszinierender Mensch. Er wirkt reserviert, aber freundlich. Dabei sieht man ihm an, dass er energisch werden kann. Dass er sich nicht vereinnahmen lässt – von niemandem, erst recht nicht von den Politikern, in deren Reigen er selbst mitgespielt hat.

Reinhold Messner Reinhold Messner

Die gemeinsame Wanderung mit Reinhold Messner führt durch seine Lieblingsberge: die Dolomiten. Einer, der die höchsten Berge der Welt bestiegen hat, sieht das größte Kunstwerk nicht in den Bergen Himalayas oder Patagoniens, sondern in den Dolomiten. Beim Gehen möchte er in Ruhe gehen, für Fragen bleibe später noch genug Zeit. Doch was fragen, wenn man den bekanntesten Bergsteiger der Welt vor sich hat? Die Fragen lassen nicht lange auf sich warten: Was interessiert einen Naturburschen wie ihn an der Politik? Wie schätzt er den Klimawandel ein? Was treibt ihn bei seinen Expeditionen an? Wie geht er mit Todesangst um?

Den Begriff Todesangst lehnt Reinhold Messner ab: Man könne sich zu Tode erschrecken, aber nicht zu Tode ängstigen. Und Angst sei ja nur die andere Seite des Mutes. Er sei ein ängstlicher Mensch. Wirklich? Reinhold Messner, ein ängstlicher Mensch? Das kann ich nicht so recht glauben. Doch er erzählt weiter: Seine Angst bringe ihn dazu, mögliche Gefahrensituationen im Vorhinein durchzudenken. Gelange er dennoch mal in eine Situation, die ihm ausweglos erscheine, handle er instinktiv. Instinkt, das ist seine Stärke. Schon im Alter von fünf Jahren war Messner in den Villnösser Bergen unterwegs, mit zwölf erkundete er die Berge bereits eigenständig. Und als er mit 18 auf Bergsteiger aus Österreich, Deutschland und der Schweiz traf, hatten sie ihm, was Ausbildung und Technik anging, einiges voraus. Messner hatte – und hat – seinen Instinkt. Seinen Instinkt – und einen guten Riecher: was Expeditionen betrifft, aber auch, was kulturelle Projekte angeht. Das Messner Mountain Museum, mit fünf Standorten von Bruneck bis Sulden, zeigen das Thema Berg. Der Berg, das ist sein Leben. Es ist die Herausforderung, die ihn antreibt – und vielleicht auch der Wunsch, das, was als unmöglich gilt, zu schaffen. Über 8.500 Meter sei der Mensch zu keinem Schritt mehr fähig, die Leistungsfähigkeit liege bei Null. Das sagen die Wissenschaftler. Messner wagt es dennoch: den Aufstieg auf den Mount Everest, ohne Sauerstoff. Als Erster schafft er, was bislang als unmöglich galt. Die Wissenschaftler: “Wir haben uns verrechnet.” Messner: “Ich weiß.”

Die Herausforderung kann man steigern: höher, ausgesetzter, gefährlicher. Es ist eine Beziehung zwischen dem Berg und ihm. Da bleibt kein Platz für politische Ausschlachtung seiner Erfolge: “Ich steige nicht für eine Nation. Ich steige nicht für Italien. Und auch nicht für Südtirol. Ich steige für mich.” Und: “Ich bin meine Heimat – und meine Tasche.” Was aber ist mit der Familie, mit Frau und Kindern? “Expeditionen lassen sich sozial nicht verteidigen.”

Reinhold Messner Reinhold Messner: “Ich steige für mich.”

Politisch steht Reinhold Messner für ein Europa der Regionen. Wie sich definieren als Südtiroler? Nicht Deutscher, nicht Österreicher, nicht Italiener. Grenzen abbauen, nicht nur politische. Was reizt einen Naturburschen wie ihn an der Politik? Vielleicht eben der Gegensatz zu seinem Leben als Bergsteiger: Die Politik lebt von Kompromissen, von der Kunst, andere zu überzeugen. Als Bergsteiger lebt er ohne Kompromisse. Überzeugen muss er niemanden.

Messner ist Bergsteiger, doch wie sehen ihn andere? Als Politiker, Naturmensch, Philosoph? Vielleicht ist das der Grund, warum man von ihm, dem Vielgereisten, wissen will, wie er zu Politik, Verbauung, Klimawandel steht? Klimawandel, so Messner, habe es im Lauf der Erdgeschichte öfter gegeben. Und ja, die Gletscher in den Alpen schmelzen. Und doch sei das Klimathema auch ein politisches: 86% des Gesamteises auf der Erde liegt in der Antarktis, 8% auf Grönland. In der Ostantarktis wächst das Eis.

Wandel, Wechsel liegt in der Natur. Auch die Dolomiten ändern ihr Gesicht: Türme – 600 Meter hoch, 50 Meter breit und 100 Meter tief – brechen ab. Die Dolomiten, das betont Messner, sind die “schönsten Berge der Welt“, ein Kunstwerk. Die schönste Berggruppe: die Civetta. Die gemeinsame Wanderung führt heute auf den Tschafon, der Rosengarten ist im Blick. Auch hier hat Messner, vor Jahrzehnten, eine Erstbesteigung unternommen. Mit dem Finger zeigt er auf die Aufstiegsroute, die er  Ende der 1960er-Jahre gewählt hat. Es scheint eine Kleinigkeit für jemanden, der alle 14 Achttausender bestiegen hat. Wie kann man an eine solche Herausforderung herangehen, wie sich nicht überwältigt fühlen vor der Größe solcher Expeditionen? Ein Schritt nach dem anderen, so sein Motto. Er spalte die Herausforderung in Tausende kleine Schritte: “Heute klettern wir dieses Stück. Morgen schlagen wir das Basislager auf. Dann rasten wir zwei Tage.” Das gleiche gilt auch für die Angst: Wer die Angst teile, auch mit einem Weggefährten, mache sie kleiner. Und wenn kein Wegbegleiter da ist? Da könne man mit sich selbst in Beziehung treten, die Angst quasi mit sich selbst teilen. Persönlichkeitsspaltung, Schizophrenie als Schutzmechanismus? Sein Bruder, Psychotherapeut in London, halte nicht viel von seiner Theorie. Aber etwas scheint er richtig gemacht zu haben: er, der Erzähler, Museumsgründer, Grenzgänger – und über allem: Reinhold Messner, Mensch der Berge: “Ich war Bergler. Dann wurde ich zum Bergsteiger. Heute bin ich wieder Bergler.”

Reinhold Messner Reinhold Messner: “Ich war Bergler. Dann wurde ich zum Bergsteiger. Heute bin ich wieder Bergler.”

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