Nach 18 Stunden Fahrt mit dem Nachtzug von Taschkent nach Urganch und einer halbstündigen Taxifahrt von Urganch nach Chiwa (auch Xiva oder Khiva genannt) haben wir unser Ziel erreicht: die charmante Oasenstadt, von der alle Usbekistan-Reisenden schwärmen. Die Häuser sind aus Lehm, ebenso die Medresen, die Festung und der Palast, die Stadtmauern und Stadttore gut erhalten. Familien, die in der Stadt leben, gibt es kaum. Chiwa ist fest in den Händen der Souvenir-Verkäufer, der Restaurantbetreiber und Hotel-Inhaber. Das Stadtleben spielt sich vor den Stadttoren ab, etwa am Sonntag, wenn die Massen zum Basar strömen und die süßen Weintrauben und Melonen kaufen, für die Chiwa schon in der Zeit der großen Sultane bekannt war.

Chiwa wirkt auf den ersten Blick relativ klein und überschaubar – und doch gibt es in der Stadt aus Lehm so viel zu entdecken.

Chiwa von oben

In Chiwa gibt es drei Möglichkeiten, einen Blick von oben auf das Lehm-Labyrinth zu werfen: vom Minarett Islam Hodscha, dem Minarett der Juma-Moschee und dem Festungsturm der Kunya-Ark-Festung. Für alle drei müssen zusätzlich je 4.000 Som bezahlt werden, dafür darf man mit dem gleichen Ticket auch ein zweites oder drittes Mal hochsteigen, wenn die Beine mitmachen. Wir starten unsere Aussichtstour beim Islom-Xo’ja-Minarett. Wir sind die ersten, die an diesem Morgen die vielen Stufen in das 45 Meter hohe Minarett hinaufsteigen wollen. Ein junger Mann sperrt das Tor zum Minarett auf, während wir den Eintritt bezahlen. „Good luck, madam“, sagt die Ticket-Verkäuferin zu mir, bevor wir uns auf den Weg nach oben machen. Good luck? Die Stufen sind zwar etwas steil, zum Teil ist es im Inneren des Minaretts auch recht dunkel, sodass ich mich vorwärts tasten muss, aber der Aufstieg ist weniger fordernd, als ich befürchtet hatte. Oben angekommen haben wir eine wunderbare Aussicht über Chiwa, auf die türkis-grüne Kuppel des Pahlavon-Maxmud-Mausoleums und das Lehm-Labyrinth unter uns.

Chiwa von oben Einfach schön: Chiwa aus der Vogelperspektive

Die zweite Station unserer Chiwa-aus-der-Vogelperspektive-Tour ist die Juma-Moschee (auch Dschuma-Moschee), die Freitagsmoschee. Das Besondere an der Moschee sind die über 200 Holzsäulen im Inneren. Die Säulen, mit Schnitzkunst reich verziert und unterschiedlichen Alters und Herkunft, tragen die flache Holzdecke. Doch dann streben wir selbst wieder aufwärts, auf den Turm hinauf. Beeindruckender aber ist die Aussicht vom Islom Xo’ja Minarett.

Juma-Moschee Chiwa Die Säulenhalle der Juma-Moschee in Chiwa

Chiwa von oben Blick über Chiwa vom Minarett der Juma-Moschee

Dritte und letzte Station unserer Tour ist der Festungsturm, wo sich jeden Abend die Touristen versammeln, um den Sonnenuntergang zu sehen und die letzten Sonnenstrahlen einzufangen, die auf die Kuppeln und Türme der Stadt fallen.

Chiwa blaue Stunde Stimmungsvolles Chiwa: Blick auf das Islom-Xo’ja-Minarett und die Kuppel des Pahlavon-Maxmud-Mausoleums

Das wohl bekannteste Minarett Chiwas, das Kalta Minor, ist für den Besuch geschlossen. Ursprünglich sollte es mit rund 70 Metern das Kalon Minarett in Buchara an Höhe übertreffen. Der Bau des grün-türkis-blauen Minaretts stoppte aber bei einer Höhe von nur 26 Metern – der Legende nach, weil der Baumeister dem Emir von Buchara ein höheres Minarett versprochen hatte.

Kalta Minor Chiwa Das Kalta Minor, das kurze Minarett, ist für den Besuch gesperrt.

Medresen, Mausoleen und Moscheen

Chiwa bietet nicht nur eine wunderschöne Aussicht von oben, sondern auch eine Vielzahl an Medresen, Mausoleen und Moscheen. Nicht wissend, welche Medresen besonders lohnend sind, schauen wir uns jeden Innenhof mit eigenem Brunnen, jedes noch so kleine Museum an. Die Moscheen beherbergen neben Souvenirverkäufern, die Tonschalen und handgestrickte Socken („only Khiva, no Samarkand, no Bukhara“) anbieten, auch kleine und etwas kuriose Museen: Sie zeigen Fotografien aus alten Tagen, Musikinstrumente, aber auch ein Baby mit zwei Köpfen aus den 1970er Jahren. Nach dem fünften Innenhof entsteht der Eindruck, dass doch jeder wie der davor aussieht. Unser Highlight ist der Innenhof der Amin-Chan-Medrese.

Amin Chan Medrese Die Amin-Chan-Medrese in Chiwa wurde in ein Hotel umgewandelt.

Mausoleen sehen wir uns zwei an: das Said-Alloviddin-Mausoleum und das Pahlavon-Maxmud-Mausoleum. Doch während ich mir in Ersterem fehl am Platz vorkomme und auch keine Stimmung irgendeiner Art aufkommen will, beeindruckt mich das Pahlavon-Maxmud-Mausoleum in seiner blauen Pracht. Die 5.000 Extra-Som ist der Besuch auf jeden Fall wert.

Pahlavon-Maxmud-Mausoleum Chiwa Blaue Pracht im Inneren des Pahlavon-Maxmud-Mausoleums

Unser Streifzug durch das Lehmlabyrinth führt uns neben der Freitagsmoschee auch an der Bagbany-Moschee vorbei, die derzeit (September 2015) aber geschlossen ist.

Festung, Festungsmauer und Palast

Ich sehe blau. Sowohl Festung als auch Palast sind reich mit Fliesen verziert. Ein Farbenrausch in Blau, Türkis und Grün. Die Festung Ko’xna Ark beherbergt auch den Münzhof, wo schon vor Jahrhunderten Münzen geprägt und Seidenscheine herausgegeben wurden: Papier musste teuer aus Samarkand eingeführt werden, Seide gab es direkt vor Ort.

Festung Chiwa Reich verzierte Empfangshalle in Chiwas Festung

Seidengeld Seidenscheine: Geld aus einer Zeit, als Seide günstiger war als Papier. Jedenfalls in Chiwa.

Festungsmauer Chiwa Festungsmauer in der Abendsonne: Vom Nordtor kann man bis in die Nähe des Westtors laufen.

Die Farbe Blau dominiert auch im Toshhauli-Palast. Wir treten durch das Tor und sehen zu unserer Linken den Harem. Hier lebte der Chan mit seinen vier Frauen, geschützt vor der Sonne. Im gegenüberliegenden Teil des Palastes waren die Nebenfrauen und Verwandten untergebracht.

Palast Toshhauli Palast Toshhauli mit Harem

Ein Tag in Chiwa, so lasse ich mir sagen, reicht vollkommen. Wir bleiben zwei Nächte, erleben das geschäftige Treiben in den Gassen von Chiwa und genießen die einkehrende Ruhe nach Sonnenuntergang.

Tipps für Chiwa

Beste Reisezeit: Die beste Reisezeit für Usbekistan ist das Frühjahr bzw. der Herbst. Im Sommer kann das Wetter extrem schwül und heiß sein. Gute Reisemonate sind April, Mai und Juni bzw. September und Oktober.

Anreise: Es gibt zwei Möglichkeiten, von Taschkent nach Chiwa zu reisen. 1. Mit dem Nachtzug von Taschkent nach Urganch, das etwa 30 km von Chiwa entfernt ist, und mit dem Sammeltaxi weiter nach Chiwa. 2. Mit dem Flugzeug von Taschkent nach Urganch und mit dem Sammeltaxi weiter nach Chiwa. Die erste Variante ist die kostengünstigere, dafür hat es die 18-Stunden-Fahrt wirklich in sich. Trotzdem würde ich zur Fahrt mit dem Nachtzug raten: Er bietet eine tolle Möglichkeit, mit den Usbeken ins Gespräch zu kommen.

Touristeninformation: Wenn ihr, wie wir, nach Chiwa reist und euch vor Ort nach einer Unterkunft umsehen wollt, ist die Touristeninformation die erste Anlaufstelle. Sie befindet sich direkt beim Westtor, innerhalb der Stadtmauer. Hier bekommt ihr auch einen Stadtplan mit den Sehenswürdigkeiten. Das westliche Tor ist ein guter Ausgangspunkt für einen Stadtrundgang.

Geldautomaten: Einen Geldautomat sucht man in Chiwa vergebens. Unbedingt mit genügend Bargeld anreisen! Allgemein ist es in ganz Usbekistan schwierig, einen funktionierenden Bancomat zu finden.

Ausflüge ab Chiwa: Von Chiwa kann man Ausflüge zu den  Wüstenschlösser des antiken Choresmien machen (z. B. Toprak-kala und Ayaz Kale). Auch Fahrten nach Nukus, weiter zur einstigen Hafenstadt Mo’ynoq (Muynak) oder zum Aralsee können hier organisiert werden.

Top Spots in Chiwa

Bester Ort, um den Sonnenuntergang zu erleben: Festungsturm

Schönste Aussicht: Der beste Ort, um von oben auf das Lehm-Labyrinth der Oasenstadt zu blicken, ist das Islom-Xo’ja-Minarett.

Stadtleben: Wer in Chiwa reges Treiben abseits der Souvenirstände erleben möchte, verlässt die Altstadt und geht sonntags auf den Basar vor dem Osttor.

Spaziergang auf der Stadtmauer: Ein Teil der Stadtmauer, die um den historischen Kern der Altstadt Itchan-Kala führt, ist begehbar. Zugang zu diesem Teilabschnitt bildet das Nordtor. Die Altstadt Itchan-Kala ist übrigens seit 1990 Teil des UNESCO Weltkulturerbes.

Habt ihr euch auch schon einen Weg durch das Lehm-Labyrinth von Chiwa gebahnt? Was waren eure liebsten Sehenswürdigkeiten?