Was bedeutet Glück? Ein Tag in den Bergen trifft es für mich ziemlich gut: ein klarer Himmel, herrliche Weitsicht, ein wunderbares Panorama. Manchmal aber spielt das Wetter nicht mit. Die Berge verstecken sich in den Wolken, der Wind peitscht das Gesicht, Regen und Hagelkörner prasseln herab. Beim Pouakai Crossing in der Taranaki Region auf Neuseelands Nordinsel treffen wir auf dunkle Wolken, Hagel, Wind, Regen. Und auf ein anderes Glück.

Es ist der Abend vor unserer geplanten Wanderung an den Hängen des Mount Taranaki und der Wetterbericht verheißt nichts Gutes. Sollen wir den Taranaki Pouakai Crossing in Angriff nehmen oder sollen wir nicht? Wir wägen das Für und Wider ab (Für: Die Wanderung soll ein echtes Highlight sein und wenn wir schon mal hier sind… Wider: Bei Schlechtwetter können wir den Mount Taranaki ohnehin nicht sehen), doch dann siegt der Wille über das Wetter und wir buchen den Shuttle zum Startpunkt der Wanderung, dem North Egmont Visitor Centre.

Dass ich in Neuseeland unbedingt den Pouakai Crossing machen will, steht für mich fest, lange bevor Lonely Planet die Top Regions 2017 veröffentlicht und Taranaki auf Platz 2 wählt. Grund dafür sind die vielen Instagram-Bilder vom sich wunderschön spiegelnden Mount Taranaki. Zu den Wasserspiegeln, den Tarns, will ich auch unbedingt wandern. „Erwartet euch keinen Bergsee“, warnt uns der Guide. Andere Wanderer sind auf der Suche nach den Wasserspiegeln schon daran vorbeigelaufen. Der Guide zeigt uns an einem Modell, wo uns unsere Wanderung entlangführt und wo er uns um halb sechs wieder abholen wird. Falls wir nicht rechtzeitig eintrudeln, wartet er noch etwas ab, bevor er sich selbst auf die Suche macht bzw. Rettungskräfte alarmiert.

Wir starten los und schon nach ein paar Schritten begrüßen uns die ersten Regentropfen. Aber wir hatten ja ohnehin nicht damit gerechnet, trocken zu bleiben. Wir wandern den Bergrücken hinauf, flankiert von Sträuchern und Bäumen, die uns noch etwas Schutz gegen Regen und Wind bieten. An den Hängen des Mount Taranaki entlang fehlt dieser dann völlig. Der Wind schlägt uns die Regentropfen ins Gesicht, die bald von Hagelkörnern abgelöst werden. Ich schütze mein Gesicht mit Armen und Händen. Die Kälte schleicht sich schon in meine Glieder. Auf dem Wanderweg hat sich von den Regenfällen der letzten Tage das Wasser gesammelt. Bei jedem Schritt versuchen wir den Pfützen so gut wie möglich auszustellen, bald aber schon erscheint dieses Bemühen völlig sinnlos, weil sich der Wanderweg mehr und mehr in einen Bach verwandelt. Wir wandern weiter. Mir ist kalt, der Wind peitscht uns, aber bisher ist es mir noch irgendwie gelungen, meine Füße mehr oder weniger trocken zu halten – bis wir einen kleinen Wasserfall passieren müssen. Jetzt sind wir von oben bis unten klatschnass und springen wie die Kinder einfach mitten in die Pfützen hinein.

Pouakai Crossing

Pouakai Taranaki Crossing

Wir sind erst seit zweieinhalb Stunden unterwegs, aber ich bin schon müde. Hinter jedem Bergvorsprung erwarte ich die Holly Hut, die Unterschlupf bieten soll. „Die Zeit ist großzügig berechnet“, klingen mir die Worte unseres Guides im Ohr. Und bisher war das auch unsere Erfahrung in Neuseeland. Doch die Hütte taucht nicht auf. Wenn das so weiter geht, oder besser gesagt: Wenn ich so weiter gehe, reicht die Zeit am Ende doch nicht. Dann sehen wir doch noch einen Wegweiser zur Holly Hut. Wie um über uns zwei durchnässte Gestalten zu spotten, liegt vor uns ein Bach, der überquert werden will. In der Hütte warten bereits ein Neuseeländer, der wie wir den Pouakai Crossing macht und ein deutscher Wanderer, der nicht nur den Crossing, sondern den Pouakai Circuit machen will. Im Ofen flackert ein schwächliches Feuer. Wärme spendet es nicht. Wir ziehen die nassen Shirts aus und etwas Trockenes an. Die Finger sind klamm und es dauert ein Weilchen, bis sie meine Befehle ausführen. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es dann geschafft. Wir setzen uns zu den anderen beiden an den Tisch und bilden ein Grüppchen von vier bibbernden Gestalten, die sich nach etwas Wärme sehnen.

Als sich der Erste wieder auf den Weg macht, bedaure ich ihn fast etwas: Er muss sich wieder hinauswagen. Doch richtig gemütlich ist es in der Hütte auch nicht und wir machen uns bald wieder auf den Weg. Der Regen hat nachgelassen, der Wind trocknet unsere Kleidung. Nur die Füße bleiben nass. Der Weg erinnert nach wie vor mehr an einen Bach als an einen Wanderweg, aber jetzt genieße ich die Wanderung: Wir wandern durch eine schöne Sumpflandschaft. Das erste Mal bleibe ich stehen und nehme mir die Zeit, die Aussicht zu genießen. Manchmal bedeutet Glück auch, im Wind zu stehen und auf eine Tussock-Landschaft zu blicken.

Sumpflandschaft auf der Nordinsel in Neuseeland

Tageswanderung in der Taranaki Region

Der Anstieg Richtung Pouakai Hut hat es in sich: Der Wind bläst, als wolle er uns mit sich forttragen. Ich stemme mich mit aller Kraft dagegen. Der Weg ist matschig und führt durch einen märchenhaften Wald. Die weitere Wanderung zur Pouakai Hütte ist zwar etwas windig, aber angenehm. Den zehnminütigen Abstecher zu den spiegelnden Wasserlachen schenken wir uns: Den Mount Taranaki sehen wir ohnehin nicht – und Wasser hatten wir auf dieser Wanderung mehr als genug.

Taranaki Region

Goblin Forest

Nach einem kurzen Stopp in der Hütte, die diesmal tatsächlich wunderbar warm ist, wandern wir durch Wald über den Mangorei Track zum Parkplatz. Der Wald wirkt wie verzaubert: Von daher rührt wohl auch sein Name „Goblin Forest“: Nach Kobolden halten wir aber vergebens Ausschau. Der Track selbst ist Neuseeland-typisch von zahlreichen Stufen durchsetzt, aber ansonsten in einem super Zustand.

Ich bin völlig fertig, als wir kurz vor fünf beim Parkplatz eintreffen. Eine warme Dusche und trockene Kleidung, das sind in diesem Moment meine Wünsche. Manchmal macht wenig auch sehr glücklich.

Hätte ich den Pouakai Crossing gemacht, wenn ich gewusst hätte, was mich erwartet? Wohl kaum. Glücklich bin ich am Ende der Wanderung trotzdem – und das nicht nur, weil wir heil beim Parkplatz eintrudeln. Und wie sagte unser Guide: „Das Wetter gehört beim Pouakai Crossing zum Erlebnis dazu.“ Manchmal bedeutet Glück auch, wie ein Kind durch die Pfützen zu springen, die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen und sich auf ein Erlebnis einzulassen.

Wegbeschreibung Taranaki Pouakai Crossing

Die Tour startet beim Visitor Centre des Egmont National Parks an der North Egmont Road. Bei schönem Wetter hat man hier bereits einen wunderbaren Ausblick auf den Mt Taranaki. Der Weg führt durch Wald und Gebüsch bergan. Am Berghang führt der Weg zwar ohne größere Steigungen entlang, es ist aber Vorsicht geboten: Der Weg ist mal steinig, mal matschig, von Wurzeln durchzogen und mit Felsen durchsetzt. Unterhalb des Weges gedeiht wunderbarer, ursprünglicher Wald. Es lohnt sich, zwischendurch auch mal stehen zu bleiben, tief durchzuatmen und die Aussicht zu genießen.

Nach der Abzweigung zum Kokowai Track, die man außer Acht lässt, führt der Weg abwärts zu einer weiteren Abzweigung. Rechts führt der Weg auf dem Ahukawakawa Track weiter, links geht es in wenigen Minuten zur Holly Hut. Ein Bach trennt Wanderer und Hütte. Eine Brücke sucht man allerdings vergebens.

Von der Holly Hut führt der Weg zurück zur Abzweigung. Ein Holzsteg führt durch ein schönes Sumpfgebiet und überquert den Stony River, bevor der Weg wieder bergan führt. Die Sumpflandschaft geht in einen märchenhaften Bergzypressen-Wald über. Der Weg trifft auf den Pouakai Track. Wer diesem Weg noch für ca. 10 Minuten folgt, stößt auf den Pouakai Tarn. Dann geht es wieder zurück zur Abzweigung Richtung Pouakai Hut und über den Mangorei Track zum Parkplatz an der Mangorei Road.

Die Tour im Detail

17 Kilometer, 800 Höhenmeter, 8 Stunden inklusive Pausen (von uns benötigte Gehzeit). Inklusive Abstecher zu den Tarns 18,9 Kilometer und 880 Höhenmeter

Einkehrmöglichkeiten: keine (Unterschlupf bieten die Holly Hut und die Pouakai Hut)

Das Wetter beim Mount Taranaki kann sehr schnell umschlagen. Unbedingt auf eine gute Ausrüstung achten und trockene Ersatzkleidung einpacken!

Vorab einen Shuttle-Service buchen: Infos dazu gibt es bei den i-Sites. Wir haben den Taranaki Shuttle gebucht.

Alternative Wanderungen:

Mangorei Track: Die Alternative für alle, die einfach nur zum Wasserpiegel wandern und ein Foto vom Mount Taranaki machen wollen. Der Weg selbst ist weniger spektakulär als der Crossing. Start und Ziel der Wanderung liegen beim Parkplatz an der Mangorei Road.

Pouakai Circuit: Wer mehr Zeit mitbringt, kann in 2-3 Tagen den Pouakai Circuit laufen. Start und Ziel der Wanderung ist beim North Egmont Visitor Centre.

Pouakai Crossing und Tongariro Alpine Crossing: Ein Vergleich

Tongariro Crossing

Die Kennzahlen: Der Pouakai Crossing ist mit 18,9 Kilometer um ein paar Hundert Meter kürzer als der Tongariro Alpine Crossing. Höhenmeter und Länge der Tour sind in etwa ident.

Der Schwierigkeitsgrad: Beide Wanderungen sind anspruchsvoll und fordern Ausdauer und Können. Obwohl der Tongariro Alpine Crossing objektiv gesehen einen höheren Schwierigkeitsgrad aufweisen mag (eine Stelle ist gesichert) als der Pouakai Crossing, bin ich nach dem Pouakai Crossing mehr geschafft.

Die Wegbeschaffenheit: Der Weg rund um den Pouakai ist gerade bei Regenwetter in gar keinem guten Zustand. Auf dem Tongariro Crossing wandert man hingegen auf guten Wegen.

Die Vegetation: Beide Touren führen durch Vulkanlandschaften (Taranaki und Tongariro). Doch während der Tongariro Crossing steiniger ist, führt der Taranaki Pouakai Crossing durch üppige Vegetation.

Die Popularität: Im Dezember 2016 treffen wir auf dem Pouakai Crossing auf vier weitere Wanderer. Dem gegenüber stehen Hunderte von Wanderern, die den Tongariro Alpine Crossing in Angriff nehmen. Wer einsam wandern will, ist an einem Regentag auf dem Pouakai Crossing richtig.

Ihr möchtet noch mehr Tipps zum Wandern in Neuseeland? Dann werft einen Blick auf die schönsten Wandertouren!