Schluchtenwege scheinen in Südtirol Hochkonjunktur zu haben. Seit 2015 bietet der Passerschluchtenweg Tiefblicke in die Passer, zwei Jahre später machen Aussichtsplattformen die Plimaschlucht im hinteren Martelltal zugänglich. Nachdem ich sowieso ein Martell-Fan bin, kundschaften wir die Plimaschlucht aus.

Wir starten die Tour beim Parkplatz im Hintermartell. Es ist Sonntag, am Himmel ist kein Wölkchen zu sehen und der Parkplatz ist bis zum letzten Platz gefüllt. Was für ein ungewohnter Anblick! Für mich war das Martelltal bisher ein kleiner Geheimtipp. Ob es am Wetter, am Wochenende oder an der neuen Plimaschlucht liegt, dass es heute so viele hierher zieht?

Einsam und verlassen: Das Hotel Paradiso

Blick über das Martelltal mit Zufrittstausee und Hotel Paradiso

Blick über das Martelltal mit Zufrittstausee, Zufallhütte und Hotel Paradiso

Wir starten unsere Tour, die uns anfangs am verlassenen, seit Jahrzehnten leer stehenden Albergo Sportivo Valmartello al Paradiso del Cevedale, kurz Hotel Paradiso, vorbeiführt. Das Hotel hatte seine kurze Blütezeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Mailänder Stararchitekt Gio Ponti wurde in der Zwischenkriegszeit mit dem Bau des Luxushotels beauftragt. Mit seinen roten Fassaden und im Stil der Grand Hotels des 19. Jahrhunderts erbaut, zog das Luxushotel reiche Gäste an. Seit den 1960er Jahren ist das Hotel im Privatbesitz der Brauereifamilie Fuchs. Ich würde gerne einen Blick ins Innere des Hotels werfen, das hier umgeben von Fichten und Kiefern steht, aber das ist leider nicht möglich.

Die erste Aussichtsplattform der Plimaschlucht: Die Kelle

Plimaschlucht: Aussichtsplattform Kelle

Bei der ersten Aussichtsplattform der Plimaschlucht: die Kelle

Bei der ersten Aussichtsplattform laufen wir fast vorbei. Über einen schmalen Weg gelangen wir zur Kelle, einer Aussichtsplattform, die über steile Stufen nach unten führt. Wenn ich ganz vorne stehe, kann ich einen Blick in die tiefe Schlucht unter mir werfen, auf die dunklen Felsen und das tosende Schmelzwasser. An den Seiten sind die Wände für mich leider etwas zu hoch bzw. das Geländer zu breit. Dann führt uns der Weg weiter, aber wir verpassen den Weg, der uns zur Aussichtsplattform Nr. 2 führen würde und wandern stattdessen zuerst durch den Wald, dann durch freies Gelände hinauf zur Zufallhütte. Wir erspähen die Hängebrücke, die unterhalb der Hütte über die Schlucht führt und über die wir auf dem Rückweg auch unbedingt gehen wollen. Dann steigen wir vorbei an der Hütte zur Plima Mauer auf.

Plima Schlucht: Auf dem Weg zur Plima Mauer

Auf dem Weg zur Plima Mauer

Die Plima Mauer

Plimamauer in Martell

Die Plimamauer schützt das Martell vor dem Schmelzwasser der Gletscher.

Die Plima Mauer ist ein Schutzdamm, der das Tal vor dem Schmelzwasser schützen soll. Steinplatten sind übereinander geschichtet. Die Plima Mauer ist ein wunderschönes Plätzchen, geradeaus fällt der Blick auf die Marteller Hütte, auf die Zufallspitze und den imposanten Cevedale. Ein kleiner Wasserfall fällt über die grasigen Hänge.

Ursprüngliches Martelltal

Ursprüngliches Martelltal

Die Plimaschlucht: Hängebrücke, Kanzel und Sichel

Plima Schluchtenweg

Auf dem Weg Nr. 40 der Plima entlang

Zufallhütte

Almidylle

Wir machen uns jetzt wieder auf den Rückweg und wandern gegen den Uhrzeigersinn zu Hängebrücke, Kanzel und Sichel. Auf dem Weg zum Highlight der Plimaschlucht, der Hängebrücke, durchwandern wir grüne Almwiesen. Auf den sumpfigen Böden wächst Wollgras. Felsblöcke flankieren den Weg und auf der anderen Seite der Schlucht sehen wir die Zufallhütte. Wir steigen den Weg zur Hängebrücke hinab, die sich in über 20 Metern Höhe über die Plimaschlucht spannt.

Hängebrücke über der Plimaschlucht

Wanderer auf der Hängebrücke, die sich über die Plimaschlucht spannt

Dritte Station unserer Tour durch die Plimaschlucht ist die Aussichtskanzel: Über ein paar Stufen geht es nach oben, hinauf auf die Kanzel, die über der Schlucht zu schweben scheint. Der Blick fällt nach unten, in die Gischt. An den blank geschliffenen Felsen erkennt man die Urgewalt des Wassers. Beeindruckend!

Kanzel über der Plimaschlucht

Schwebende Aussichtsplattform über der Plimaschlucht: die Kanzel

Wir gehen weiter. Ein bisschen auch bedrängt von anderen Wanderern, die zur Kanzel hoch wollen. Jeder will an die Reihe kommen, selbst hoch oben über dem Abgrund stehen und die wilde Plimaschlucht auf sich wirken lassen. Auf uns wartet der letzte der vier Aussichtspunkte: die Panoramasichel. Die Sichel ist halbrund angelegt, architektonisch weniger spektakulär als Hängebrücke, Kelle und Kanzel, was die Aussicht angeht, kann aber keiner der anderen drei mit der Sichel mithalten. Wir lassen den Blick über Berggipfel, Schlucht und Wälder, auf den Stausee und über das Martelltal schweifen.

Sichel: Panoramablick über das Martelltal

Panoramablick von der Sichel über das Martelltal

Fazit: Die Plimaschlucht ist eine optimale Möglichkeit, auf guten Wegen und mit wenigen Höhenmetern, die Naturschönheiten des Martelltals zu entdecken. Unter uns bahnt sich die Plima ihren Weg talwärts, wir passieren einen Wasserfall und vor uns grüßt der eisbedeckte Cevedale. Die Aussichtsplattformen, die entsprechend ihrer Form Kelle, Sichel und Kanzel heißen, sind architektonisch sehenswert, allerdings weist die Kelle für Menschen wie mich, die unter 1,70 Meter groß sind, ein entscheidendes Manko auf: Die hohen Wände und breiten Geländer schränken die Sicht auf die Plimaschlucht ein – schade! Landschaftlich ist die Tour wild, ursprünglich und wunderschön, wie das Martelltal eben!

Der Plima-Schluchtenweg  im Detail

Kennzahlen der Tour: 6 Kilometer, 270 Höhenmeter, 2 Stunden

Hierbei handelt es sich um die Wanderung durch die Plima Schlucht inklusive Abstecher zum Staudamm. Wer will, kann auch nur die kurze Runde im Uhrzeigersinn wandern, bei der Hängebrücke die Schlucht überqueren und zurück zum Parkplatz wandern. Ich empfehle aber unbedingt die Verlängerung bis zur Plima Mauer. Die Wanderung durch die Plima Schlucht lässt sich außerdem optimal mit einer Wanderung zur Marteller Hütte kombinieren.

Beste Wanderzeit: von Frühling bis Herbst

Beste Fotospots: die Aussichtspunkte und die Plima Mauer

Einkehren: Zufallhütte

Anfahrt: Die Anfahrt erfolgt über das Vinschgau. Bei Morter biegt das Martelltal ab, weiter bis zum Parkplatz (gebührenpflichtig) am Talschluss in Hintermartell. Die öffentliche Linie 262 fährt von Schlanders über Morter ins Martelltal (bis zur Endstation Enzianhütte). Zur Fahrplansuche: www.sii.bz.it

Weitere Touren im wunderschönen Martelltal findet ihr hier:

Wanderung zur Marteller Hütte

Bergtour auf die Hintere Schöntaufspitze